News & Aktuelles
News Erwachsenenbildung
"Verlasst Euch nicht auf Wunder - rezidiert Psalmen!" Eine kleine Einführung in den Psalter
13.3.2025
von Heike Dreisbach
„Verlasst Euch nicht auf Wunder, sondern rezitiert Psalmen“, empfiehlt eine alte chassidische Weisheit.
Die Psalmen - ein Psalm, was meint das eigentlich? „Psalm“ - „psalmos“, mit diesem griechischen Wort das einen „Sprechgesang mit Saitenbegleitung“ bezeichnet, wird versucht, den hebräischen Begriff „Mismor“ widerzugeben, der vielen Psalmen vorangestellt ist, auch unserem 23. Psalm: „Mismor le David“ - ein Psalm Davids.
Psalmen gibt es übrigens gibt es auch in anderen Büchern, wie z.B. in den Geschichtsbüchern wie Deborahs Lied in 5. Kapitel des Richterbuches oder das Lied der Hanna, aus dem 1. Samuelbuch, die Grundlage für das Gebet der Maria im Lukasevangelium, das Magnifikat.
Das Buch der Psalmen enthält eine Auswahl von Psalmen. Es ist das biblische Lieder- und Gebetbuch Israels schlechthin, auch wenn die jüdische Tradition weitere bedeutende Gebetbücher kennt und nutzt, etwa den Sidur.
Das Buch der Psalmen ist und war außerdem von Anfang auch das Lieder- und Gebetbuch der Kirche schlechthin. Die Liturgie der Kirche, denken wir an das Stundengebet in den Klöstern, ist ohne die Psalmen nicht denkbar.
Bei vielen Psalmen im Psalter handelt es sich wohl ursprünglich um Liedern und Gebeten, die im Tempel gesungen und gebetet wurden. Aber wir sollten uns den Psalter nicht vorstellen wie eine Art „EG[1] für den Tempel“. Bibelwissenschaftlich geht man heute davon aus, dass das Buch der Psalmen ursprünglich eher gedacht war als Buch für den Hausgebrauch, also für das persönliche, meditative Gebet.
In den Hebräischen Bibeln heißt das Buch „Sefer Tehillim“, also „Buch der Lobpreisungen“. Das klingt schon einmal ziemlich spannend, denn die allermeisten Psalmen sind keinesfalls Loblieder. Die Klage- und Bittgebete sind sogar deutlich in der Überzahl. Selbst „böse Gebete“ finden sich dort, in denen die eigenen Rachegefühle ungefiltert Gott hingehalten werden. Derart vertrauensvoll-ungefiltert gar, dass es uns heute beim Lesen meist angst und bange wird. Ich finde es sehr spannend, mir vorzustellen, dass dies alles, dieses ganze ungeschminkte, unverblümte Gott-das- Herz-ausschütten in Gottes Ohren erklingen könnte, wie der reinste Lobgesang. Dieser Gedanke entlastet mich. Denn mir ist, wie wohl den meisten, erst recht in diesem Tagen, beileibe oft ganz und gar nicht zum Jubeln zumute. Was auch gar nicht nötig ist. Denn Gott ist überhaupt nicht auf Lobhudelei aus, die nicht von Herzen kommt. Er heißt schließlich nicht Donald Trump.
Der Psalter ist auch das Gebetbuch Jesu. Denken wir etwa an den 22. Psalm. Jesus rettet sich nicht selbst, als er am Kreuz hängt. Er hält das vernichtende Gefühl völliger Gottverlassenheit aus. In seiner Verzweiflung schreit er am Ende: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ (Mark 15,34 und Matth 27,46). So zitiert sein letzer Atemzug Psalm 22,2.
Mit dem Psalter betreten wir die Landschaft orientalischer Poesie, die wenig Ähnlichkeit hat mit unserer abendländischen Dichtkunst.
Aus fünf einzelnen Bänden besteht der Psalter. Und das scheint bewusst so angelegt zu sein. Fünf einzelne Bände, genau wie es bei der Tora der Fall ist, den fünf Büchern Mose. In der Tora spricht Gott. Er offenbart seinen Willen. Gott streckt seine Hand aus und bietet den Menschen seinen Bund an. Trotz allem, was schiefgelaufen ist und weiterhin schiefläuft auf menschlicher Seite, soll die Verbindung zwischen Himmel und Erde wiederhergestellt werden. Dazu beruft und segnet Israel - das zum Segen für die Völker werden soll. Das ist die Geschichte, die in den fünf Büchern der Tora erzählt wird. Die fünf Bücher der Psalmen können wir als eine Art Antwort verstehen. Gott hat gesprochen. Und seine Leute antworten ihm mit den Psalmen. Dieser Gedanke hat etwas Wundersames an sich. Nirgendwo in der Bibel trifft beides derart eng aufeinander: Gottes Wort und Menschenwort.
„Mehr als andere Worte der Bibel ist der Psalm also gleichzeitig Gottes- und Menschenwort, … ein Gehäuse der Liebe, wo Gottes- und Menschengeist innig zusammenkommen.“, so der belgische Zisterzienserabt André Louf[2]. „Der Psalm ist gleichzeitig Frucht des Gebetes und Same neuer Gebete" [3].
Die Psalmen weisen uns darauf hin: Gott in rechter Weise zu antworten, das gelingt uns Menschen nicht aus uns selbst heraus, Gott selbst ist es, der das Gespräch in Gang bringt. Die Psalmen sind dabei vielstimmig. Es gibt offenbar nicht die eine Antwort, die immer und für alle passt. Das Spektrum reicht von Dur bis Moll: Alle erdenklichen Schattierungen menschlicher Gefühle und Empfindungen kommen vor. Nichts muss verdrängt oder geleugnet werden. Die überschäumende Freude nicht, ebenso wenig wie abgrundtiefe Trauer oder finstere Rachegelüste. Alles hat seinen Platz und seine Zeit.
In all ihrer Unterschiedlichkeit weisen die Psalmen dabei häufig eine gemeinsame Grundstruktur auf: Immer zwei Zeilen gehören zusammen. In der Fachsprache nennt man dies den „Parallelismus membroum“, die „Parallelität der Glieder“. Diese beiden aufeinander bezogenen Zeilen, sie sagen beinahe das Gleiche, aber nicht ganz. Darum werden und wurden die Psalmen häufig auch im Wechsel gesungen oder gesprochen. Auf diese Weise wird hörbar: Erst die unterschiedlichen Stimmen ergeben ein harmonisches Ganzes. Eine meditative Grundhaltung wird eingeübt: Ein Gedanke wird sozusagen umkreist, der Blick verändert sich, bekommt Tiefenschärfe.
Lange Zeit hat man sich in der theologischen Forschung überwiegend mit den einzelnen Psalmen befasst. Vor allem der katholische Theologe Erich Zenger hat intensiv dazu herausgearbeitet, wie kunstvoll die Psalmen aufeinander aufbauen. Wie sich Weg abschreiten lassen im kontinuierlichen Mit- und Nachbeten[4].
Eine wichtige Gruppe von Psalmen sind die sogenannten „David-Psalmen“ (Psalm 23 ist ein Beispiel dafür). Lange, schon in biblischen Zeiten, war es üblich, David als Verfasser des gesamten Psalters betrachtet. Diese Deutung zeigt, wie sehr die Psalmen als Lieder und Gebete als auf die messianische Hoffnung bezogen gelesen, meditiert, gesungen und gebetet wurden. So lange die Psalmen erklingen, bleibt die Hoffnung lebendig, dass diese Welt nicht so bleiben muss und bleiben wird, wie sie ist.
Vermutlich ist dieser messianische Gehalt der Psalmen ein wesentlicher Grund dafür, dass die Jesus-Leute die Psalmen von Anfang an so geliebt haben. eder im Neuen Testament, noch in der kirchlichen Literatur der ersten zwei Jahrhunderte hat es irgendwelche neuen, speziell christlichen Gebet- oder Liedersammlungen gegeben. Um 200 n. Chr. schreibt der Kirchenvater Tertullian: „David singt uns von Christus, und durch ihn singt uns Christus von sich selbst“[5]. Und in der syrischen Didaskalie, der ältesten christlichen Gottesdienstordung überhaupt (Anfang 3. Jahrhundert) heißt es: „Wenn Du Hymnen (also Lieder) begehrst, so hast Du die Psalmen Davids“[6]. Und viele Jahrhunderte später schreibt Dietrich Bonhoeffer: „Dazu sind uns die Psalmen gegeben, dass wir sie im Namen Jesu Christi beten lernen.“ Im Namen Jesu einstimmen in die uralten Gebete und Lieder Israels, das ist ein wunderbares Vorrecht. Machen wir von ihm reichlich und vor allem regelmäßig Gebrauch!
Hier geht es zu einem Video, bei dem Psalm 23 auf Hebräisch gebetet wird.
[1] Evangelisches Gesangbuch
[2] Louf, André: In uns betet der Geist, Einsiedeln, 1974, S. 72
[3] ebenda
[4] Ein gutes Beispiel dafür sind die Psalmen 90, 91 und 92, die von dem Gefühl der Vergeblichkeit des sterblichen menschlichen Lebens hin zur positiven Betrachtung der von Gott geschenkten, wenn auch begrenzten Lebenszeit führen. Ein wichtiges Beispiel bieten auch die Wallfahrtspsalmen 120 - 134, die auf dem Weg zum Tempel gebetet wurden. Die große Treppe hinauf zum Tempelplateau hatte genau 15 Stufen - dies entspricht je einem Psalm für jede Stufe
[5] Zitiert nach Zenger, Erich: Einführung in das Alte Testament, Stuttgart, Berlin, Köln, 2001, S. 326.
[6] Siehe ebenda.
Hier könnt Ihr Psalm 23 auf Hebräisch hören und wenn Ihr wollt, mitbeten:
Weitere Artikel:
- "Unsicherheit ist nie ein schöner Zustand". Interview mit Jörn Heller, Alpha-Buchhandlung Siegen
- "Verlasst Euch nicht auf Wunder - rezidiert Psalmen!" Eine kleine Einführung in den Psalter
- Beten lernen als Thema der Erwachsenenbildung?
- "Uns eint mehr, als uns trennt". Mit Martin Luther auf dem Literaturpflaster von Raumland nach Rom
- Die Hoffnung nicht aufgeben
- „Über Israel reden. Eine Deutsche Debatte“ – Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Meron Mendel
- Gut geträumt.
- Anders wird gut.
- Impressionen aus Straßburg, Colmar und Gunzbach
- In der Wüste oder: Hagar kehrt zurück
- Und dann kam alles ganz anders. Wie Hagars Geschichte auch hätte ausgehen können
- Perspektiven der Hoffnung: Das Kreuz im Lichte der Auferstehung
- Durch das Band des Friedens. Ansprache zum Weltgebetstag der Frauen 2024 aus Palästina
- Die Vierundzwanzig
- Bible Hub - ein Online-Tool fürs Bibelstudium
- Meine Liebe zu Dir - die Tür zum Paradies. Über das Hohe Lied der Liebe
- Wer ist ein Gott wie du, der...? Theologische Kontemplation zu Micha 7,18-19
- Die Ukraine: Einblicke in die religiöse Landschaft